Prof. Harald Riedel:
Systemische Didaktik

Drei-Welten-Theorie

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Inhalt dieser Seite:
Gegenstnde der 3 Welten
Die 3 Welten existieren wirklich
Jede der 3 Welten ist selbstndig
Beziehungen zwischen den 3 Welten
Die beschrnkte Weltwahrnehmung des Menschen
Zusammenhnge mit der Systemischen Didaktik
Literatur

K. R. POPPER erweitert die bis dahin vorherrschenden Ansichten der Welt, indem er der Dimension, die  mit den Begriffspaaren
Auenwelt - Innenwelt” oder “materiell - immateriell” oder “Leib - Geist” oder “Leib - Seele
beschrieben wurde, eine weitere hinzufgt, die durch das Begriffspaar
subjektiv - objektiv
gekennzeichnet werden kann.
 

Damit unterscheidet er drei verschiedene Welten, denen er gleichermaen das Prdikat von "Wirklichkeit" zuschreibt. Fr "wirklich" erklrt er alle Inhalte dieser drei Welten in jenem Sinn, dass sie entweder selbst "reale materielle" Dinge sind oder kausal auf solche Gegenstnde einwirken bzw. in Wechselwirkung mit ihnen stehen. Die drei Welten unterscheiden sich nach POPPER folgendermaen:

  • Gegenstnde der WELT l sind alle physikalischen, materiell-energetischen Gegenstnde wie Tische, Huser, Berge, Gestirne.
  • "Bewohner" der WELT 2 sind die subjektiven Erlebnisse, Vorstellungen, Gedanken und Gefhle einzelner Menschen, beispielsweise die Vorstellung eines saftigen Apfels, der Gedanke an einen gemtlichen Abend mit Freunden, Zahnschmerzen, die Stimmung beim Anhren einer singenden Amsel, die Einstellung zum Abtreibungsparagraphen oder die persnliche Beurteilung eines Parteiprogramms.
  • WELT 3 umfasst "die Erzeugnisse des menschlichen Geistes" im Sinne objektiver Kulturgegenstnde wie Theorien aller Art, Hypothesen, die als Herausforderung zur berprfung solcher Theorien dienen, Argumente, die fr und gegen solche Hypothesen sprechen, Kunstwerke, Mythen, Religionen.
Popper3WELTEN

Modell der Drei-Welten-Theorie von K. R. POPPER

grn

Beispiel:

Stellen wir uns vor, wir erleben gerade eine Auffhrung

der Jupiter-Sinfonie von W. A. Mozart.

Gegenstnde der WELT 1:
die von den Musikern bespielten Instrumente,
die dadurch erzeugten elektro-
magnetischen Schwingungen, die Notenbltter usw.

Gegenstnde der WELT 2:
die sich beim Anhren des Konzerts bildenden Klangeindrcke, Empfindungen und Vorstellungen

Gegenstand der WELT 3:
die nicht fassbaren Informationen ber die Jupiter-Sinfonie, die von jedem subjektiven Dirigenten und jedem Musiker anders interpretiert wird

Die Interpretationen (WELT 2) erfolgen zwar auf der Grundlage notenschriftlicher Aufzeichnungen, doch diese Aufzeichnungen als physische Gegenstnde (WELT 1) vergegenstndlichen nur Verschlsselungen eines Werks, das zwar seit zwei Jahrhunderten existiert, aber nicht direkt greifbar ist. Es ist weder die Partitur, noch "die Gesamtsumme der imaginierten akustischen Erlebnisse, die Mozart bei der Niederschrift der Symphonie hatte ..., auch nicht eine der Auffhrungen ...oder die Klasse aller Auffhrungen". Die Jupiter-Sinfonie ist vielmehr "ein wirklich idealer Gegenstand, den es wohl gibt, der aber nirgendwo da ist, und dessen Dasein irgendwie die Potentionalitt seines wiederholten Interpretiert-Werdens durch den Geist des Menschen ist" ( POPPER/ECCLES 1982, S. 534). Das ist ein Gegenstand der WELT 3.
Wie fr alle Bewohner der WELT 3 gilt fr die Jupiter-Sinfonie, dass sie als Ganzes durch kein einzelnes Bewusstsein reprsentiert werden kann.

grn

Existieren die 3 Welten wirklich ?

Sowohl Materialisten als auch Idealisten uern Zweifel daran, dass alle drei Welten "wirklich" und auch insofern deutlich unterscheidbar sind, als dass jede von ihnen selbstndig ist.
Ihnen hlt POPPER entgegen:

Wirklich

sind solche Gegenstnde, die

1.

 materiell-energetisch direkt nachgewiesen werden knnen

das ist der Fall in

WELT 1:

Instrumente und Notenbltter sind offensichtlich materieller Art
aber auch die als Tne wahrnehmbaren elektromagnetischen Schwingungen

2.

sich nachweisbar verndernd auf die Gegenstnde erster Art auswirken

das ist der Fall in

 WELT 2:

Wie der Dirigent das Werk interpretiert, ist von seinen Vorstellungen und Gefhlen gesteuert. Mittelbar verndern sie  WELT l.

und in

WELT 3:
Das vor 200 Jahren geschaffene Werk steuert  Dirigenten sowie Musiker und verndert damit indirekt WELT 1.

Allen drei Welten ist daher das Prdikat “WIRKLICH”  zuzusprechen

grn

Sind die 3 Welten selbstndig ?
(d. h. lassen sie  sich voneinander deutlich unterscheiden?)

WELT 1:

Instrumente, Notenbltter und elektromagnetische Schwingungen existieren unabhngig vom Bewusstsein eines Menschen.

Elektromagnetische Schwingung, wie Licht Wrme oder Schall existierten schon lange, bevor es Menschen gab.

 WELT 2:

Man kann sich bestimmte Passagen oder Motive der Jupiter-Sinfonie “im Geiste” vorstellen oder “still” summen, ohne dass diese Teile von Instrumenten realisiert werden.

Auch kann man sich ein Instrument ausdenken, das noch gar nicht existiert.

WELT 3:
Die Jupiter-Sinfonie ist in C-Dur geschrieben. In der Antike wurden  die Tongeschlechter DUR und MOLL noch nicht praktiziert, obwohl alle in Ihnen enthaltenen Tne auch damals schon verwendet wurden. Erst gegen 1600 n. Chr. wurden diese Tongeschlechter “entdeckt”.

Allen drei Welten ist daher das Prdikat “SELBSTNDIG ” zuzusprechen

grn

Welche Beziehungen zwischen den drei Welten gibt es?

Popper3WeltenBeziehungen

WELT 2   ist sowohl mit   WELT 1   als auch mit   WELT 3   verbunden.

Es gibt aber  keine direkte Beziehung zwischen WELT 1 und WELT 3!

 

Die Gegenstnde der   WELT 3   knnen   WELT 1  ohne Einschaltung des Menschen (WELT 2) nicht verndern.
Theorien, Argumente, Kunstwerke, Glaubensstze an sich sind machtlos.

 

 

Demzufolge ist der  Satz “Wissen ist Macht”  nur sehr bedingt gltig. Er trifft nur zu, wenn

  1. Menschen  sich das Wissen aneignen knnen
  2. und sie  fhig sind, dieses Wissen produktiv in Taten umzusetzen.

1.

2.

3.

4.

 

Die abstrakten Beziehungen  

Aktiv und schpferisch
erzeugt das  menschliche Bewusstsein (WELT 2) neue Inhalte der WELT 3.

Aktiv und schpferisch interpretiert das  menschliche Bewusstsein (WELT 2) Inhalte der WELT 3.

Der Mensch (WELT 2)
verndert
seine Umwelt (WELT 1)

Der Mensch (WELT 2)
 kann Gegenstnde der WELT 1  wahrnehmen.

 in unserem Beispiel

W. A.  komponiert 1788
die Jupiter-Sinfonie.
Seither wird sie weltweit aufgefhrt.

Ein Dirigent interpretiert
die ihm ber Notenaufzeichnungen zugngliche Jupiter-Sinfonie.

Von den Aktionen des Dirigenten geleitet, lassen die Musiker das Werk von Mozart erklingen.

Konzertgste genieen die gerade aufgefhrte Jupiter-Sinfonie
  220 Jahre nach deren Entstehung.

grn

Zitat von Albert Einstein:

 

"Zwei Dinge scheinen unendlich,
das Universum
und die menschliche Dummheit.


Beim  Universum bin ich mir nicht ganz sicher."

Popper3WeltenBeschrnkteWeltsicht

Alle 3 Welten sind uns nur ausschnittweise zugnglich:

Beispiele:

WELT 1:

  • Ein Meer von Funkwellen umgibt uns, ebenso kosmische und radioaktive Strahlung. Wir knnen sie weder sehen noch  hren noch fhlen.
  • Wir sehen nur einen sehr geringen Ausschnitt des Strahlungsspektrums oberhalb des ultravioletten und unterhalb des infraroten Bereichs
  • Wir hren nur Schwingungen oberhalb von 16 Hz und unterhalb von 20000 Hz. Wir knnen nicht die niederfrequenten Schwingungen hren, die einem Erdbeben vorausgehen, oder mit denen sich Wale unterhalten, auch nicht die hochfrequenten Signale, mit denen sich Fledermuse orientieren.
  • Unser Geschmackssinn unterscheidet nur s, salzig, sauer, bitter  und umami, weil dies seit Urzeiten ausreichte, um bekmmliche von unbekmmlicher Nahrung abzugrenzen.
  • Unsere Gemtszustnde beeintrchtigen und steuern unsere Wahrnehmung. Wer seit lngerem hungert, nimmt die Gegenstnde der Umwelt vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Essbarkeit wahr.

WELT 1:

LichtImGesamtspektrum

 WELT 2:

  • Wie schwierig ist es, sich in Gemtszustnde und Gefhle selbst eines geliebten Menschen hineinzuversetzen!
  • Wieviel Fhigkeit zur Distanzierung von sich selbst, wieviel schonungsloses Auswerten eigener Erfahrungen, wieviel Selbstvergewisserung der eigenen Wertwelt  sind vonnten, um die wahren Motive eigenen Handelns aufdecken zu knnen!

WELT 3:

  • Es dauert mehrere Jahre, bis ein Kind fhig ist, abstrakt im drei-dimensionalen Raum zu operieren.
  • Die meisten von uns knnen sich keinen  sieben- oder zwlf-dimensionalen Raum vorstellen. Auch Astronomen und Mathematiker bentigen dazu spezielle Modelle und Zeichensysteme (Sprachen), die sie erst erlernen mssen
  • Streitgesprche ber ein Problem, dessen Bewltigung erfordert, dass mehr als zwei bis drei Aspekte gleichzeitig bedacht werden mssen, scheitern meist. Der “gesunde Menschenverstand” bevorzugt ein-,  hchstens zwei-dimensionales Denken
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Die Systemische Didaktik bercksichtigt alle ausgefhrten Relationen. Wie die untenstehende Abbildung zeigt, berschneiden die einzelnen DIDAKTISCHEN OBJEKTBEREICHE allerdings verschiedene WELTEN. Das erschwert leider das Verstndnis der Zusammenhnge.

 

Popper3WELTEN-DidaktObjekte

Vereinfacht lsst sich fr Unterricht folgendes sagen:

  • Ein Kulturgut als Gegenstand der WELT 3 kann erst durch aktive Operationen des Lehrenden zum Unterrichts-Objekt werden. Das Objekt wird durch den Lehrenden subjektiv interpretiert.
    Dadurch erfhrt das Objekt aufgrund der oben beschriebenen beschrnkten Weltsicht eine Vernderung.
  • Das Bewusstsein  (WELT 2) des Lernenden kann das Unterrichts-Objekt nicht direkt aus WELT 3 aufnehmen.
  • Wichtigste Aufgabe des Lehrenden ist es, ein geeignetes Operations-Objekt zu ersinnen und bereitzustellen, das einerseits die Struktur des Unterrichts-Objekts abbildet, andererseits es dem Lernenden ermglicht, diese Struktur  durch den direkten Kontakt mit dem Operations-Objekt in WELT 1 zu entdecken und zu verinnerlichen.
  • Die “Verinnerlichung” geschieht durch mannigfaltige Operationen und stellt eine zweite Interpretationsleistung und damit eine zweite Subjektivierung des Unterrichts-Objekts dar.
  • Wenn das Operations-Objekt in WELT 1 nicht gengend einfach handhabbar ist, mssen die Kontaktmglichkeiten des Lernenden zum Operations-Objekt durch Hilfsmittel verbessert werden.

Auf den Seiten
 “Philosophische Aspekte der Objektbereiche” 
und
Didaktische Objektbereiche
werden die Verhltnisse genauer ausgefhrt.

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Literatur:

ECCLES, J. C. und  POPPER, K. R.:  Das Ich und sein Gehirn. Mnchen 1982
POPPER, K. R.: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionrer Entwurf. Hoffmann und Campe, Hamburg. 1973/1974
POPPER, K. R.: Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt. 1967. In POPPER 1973, S. 123-171
POPPER, K. R.: Zur Theorie des objektiven Geistes. 1968. In: K. R.. POPPER: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionrer Entwurf. Hoffmann, 1973, S. 172-212
RIEDEL, Harald: Aspekte didaktischer Objekt-Bereiche. Grundlagenstudien aus Kybernetik und Geisteswissenschaft 37, H. 3, 1996 c, S. 125-137

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