Prof. Harald Riedel:
Systemische Didaktik

ideologisch-didaktische Aufgaben

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IDEOLOGISCH - didaktische Aufgaben     ( ZIEL-FINDUNG )

Vieles lernt man auch, ohne dass man ein bestimmtes Ziel verfolgt. Aber immer, wenn durch  Lehren und Unterrichten gelernt werden soll, geschieht dies unter bestimmten Zielsetzungen. Eine Didaktik muss sich deshalb mit Zielen und Wertungen  im engeren und weiteren Sinn befassen. Drei Aufgaben sind zu erledigen:

1. Ziele untersuchen:

Welche Ziele und Werte wurden in der Vergangenheit verfolgt, welche sind in der Gegenwart allgemein anerkannt oder werden von verschiedenen Gruppen diskutiert, welche werden verschleiert praktiziert?

Wenn auch das Untersuchen nie völlig wertneutral geschehen kann, so wird sich der Untersuchende bemühen, nach möglichst objektiven Kriterien zu analysieren.

 2. Ziele werten:

Welche Zielvorstellungen sind an welche
Welt - und Menschenbilder geknüpft?

Das Werten hingegen setzt in viel stärkerem Maße subjektive Maß-
stäbe voraus.

3. Ziele setzen:
        
Das Benennen sog. politischer “Leitziele” wie “Selbstbestimmungsfähigkeit” oder “Solidarität” allein  nutzt wenig. Durch welche beobachtbaren und damit auch realisierbaren Werte oder Verhaltensmerkmale lassen sich solche Leitziele vergegenständlichen?

Das Setzen von Zielen erfordert zweierlei:
1. die nur subjektiv mögliche Entscheidung für Ziele auf          höchster Ebene.
2. Die objektive analytisch-konstruktive  Ableitung einer        Hierarchie untergeordneter konkreter Ziele.


 

Die Beschäftigung mit den Fragen aus Block 1 und Block 2 ist das eigentliche Betätigungsfeld der  Bildungstheoretischen Didaktik. Autoren wie Klafki,  Spranger, Nohl, Flitner, Weniger und Litt haben mit ihren Arbeiten fast ein Jahrhundert lang die didaktische Diskussion in Deutschland beherrscht. Die Verschiebung der Wertvorstellungen bis heute zeigt die Geschichtsgebundenheit von Normen. Allerdings hilft diese Kenntnis wenig, um konkrete Zielsetzungen für die tägliche Unterrichtsarbeit abzuleiten.

Eine Ausnahme bildet der inzwischen zu Unrecht in Vergessenheit geratene EDUARD SPRANGER. Ihm sind zwei  Aufsätze zu verdanken, in denen er detailliert darstellt, in welchen Kultursituationen welche Erziehungsstile unter welchen Zielvorstellun-
gen mit welchen Wirkungen und Nebenwirkungen in der Menschheitsgeschichte praktiziert wurden und inwiefern sich bestimmte Zielvorstellungen ausschließen.   

 

Im Anschluss an amerikanische Ansätze wurden ab 1960 in der sog. “Curriculumforschung” aus allgemeinen gesellschaftsbezogenen “Qualifikationen” sowie Vorstel-
lungen über die zu erziehenden Individuen und aus Erkenntnissen jeweiliger Wissenschaftsgebiete Hierar-
chien spezieller  Lernziele abgeleitet, die schließlich in “strukturierte Lehrpläne” mündeten.
Gegen die  Festschreibung bis ins feinste ausgearbeiteter Lernzielkataloge sprechen jedoch zwei Gründe:
       1. Die Lernzielkataloge sind   aufgrund veränder-
ter Ausgangslagen meist schon nach wenigen Jahren überholt.
      2. Nur der praktizierende Lehrer kann in Kenntnis der Lernenden die volle Verantwortung für das Unterrichtsgeschehen tragen, nicht ein anonymer Rahmenplangestalter.
Daher sollten Didaktiken anstatt fertiger Zielkataloge besser Verfahren und Hilfen zur Erstellung solcher Kataloge zur Verfügung stellen.

Wer will hier und heute etwas gegen
diese großartigen Ziele einwenden?


Aber ... ?

Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt,
Achtung vor der Würde des Menschen,
Selbstbeherrschung und Spontaneität,
Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit,
Hilfsbereitschaft,
Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne,
Ehrfurcht vor allem Lebendigen,
Achtung vor der Überzeugung des anderen,
Nächstenliebe,
Gerechtigkeit,
sittliches und politisches Verantwortungsbewusstsein,
Friedensfähigkeit,
berufliches Können,
soziales Handeln,
freiheitlich demokratische Haltung,
Solidarfähigkeit,
Selbstbestimmung,
Urteilsfähigkeit,
Fähigkeit zum eigenen Standpunkt und Kritikfähigkeit.
 

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Erziehungsziele”, wie sie heute  in öffentlichen oder privaten Plänen verbreitet sind.
Einzeln betrachtet wird fast jeder den meisten bedenkenlos zustimmen können.
Das allerdings ist ein erster Hinweis auf die Unverbindlichkeit und Interpretationsbedürftigkeit der einzelnen Ziele.
Außerdem sind sie ungeordnet aufgereiht, so dass gegenseitige Abhängigkeiten oder gar Widersprüche verborgen bleiben.  Zu fragen wäre beispielsweise::

  • Was genau ist unter “Verantwortungsgefühl und         Verantwortungsfreudigkeit” zu verstehen? Verantwortung vor wem,  gegenüber welchen Werten?
  • “Selbstbestimmung” umfasst “Fähigkeit zum eigenen Standpunkt “, ist also eine Ebene höher in einer möglichen Hierarchie angesiedelt.
  • “Selbstbeherrschung und Spontaneität” hingegen scheinen sich zu widersprechen.
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Eine noch größere Schwierigkeit steckt in Folgendem: Alle genannten Ziele lassen sich zwar auf  abendländische Grundwerte zurückführen. Aber selbst die allgemein anerkannten Werte der Aufklärung (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) sind    -  absolut gesetzt -    nicht miteinander verträglich.
Absolute Freiheit schließt Gleichheit und Brüderlichkeit aus, absolute Gleichheit führt immer zu Unfreiheit u. s w. .
Jeder Lehrer und Erzieher sollte sich ab und zu vergewissern, wie stark er sich den einzelnen Grundwerten verpflichtet fühlt, indem er sich einmal  im   Wertedreieck von H. FRANK positioniert.
Wenn er zusätzlich von diesem Standpunkt her untersucht, wie er die einzelnen Paare von Erziehungsstile nach SPRANGER bewertet, so  wird er sich bereits eine gute Grundlage geschaffen haben, um die im grünen Kasten aufgeführten allgemein-unverbindlichen Forderungen in konkrete Zielentscheidungen für den einzelnen Fall zu überführen. Selbstverständlich kann dies nur im Rahmen der in seiner Soziokultur anerkannten Grundrechte und -gesetze geschehen.

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Konkrete Zielentscheidungen werden also nur von einer Person, also subjektiv zu treffen sein.
 

Eine Allgemeine Didaktik kann und darf  solche Entscheidungen nicht losgelöst von Subjekten treffen wollen!

Allerdings kann sie Instrumentarien bereitstellen, die es dem Unterrichtenden erleichtern, ausgehend von den Besonderheiten seiner Lernenden konkrete Ziele zu setzen.

Die Systemische Didaktik  verzichtet vollständig auf die Festlegung gesellschaftsbezogener Ziele  und entwickelt statt dessen ein Zielsystem aus vier Dimensionen individueller Fähigkeiten , von dem her der Stellenwert einzelner Unterrichts-Situationen, aber auch die Angemessenheit langfristiger unterrichtlicher Einflussnahme bestimmt werden kann.

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